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Folgendes veröffentlichte der (Metal) Hammer in seiner Ausgabe Juli 2002 nach einem Gespräch zwischen Gunnar Sauermann und mir:

FRONTAL                   

ZUM THEMA LIVE ODER KONSERVE

MICHEL KÖGLER (Tontechniker)

Zahlreiche Leserbriefe beschweren sich über Konzerte mit miserablem Sound und in der Szene werden technische Manipulationen auf der Bühne heftig diskutiert. HAMMER forscht bei Michel Kögler nach den Ursachen für schiefe Töne und Tricks der Live-Branche.

 

Welche Tätigkeit übst du im Live-Sektor aus?

Ich bin selbständiger Tontechniker und begleite seit sieben Jahren viele deutsche Metal-Bands auf Tourneen oder Festivals am Mischpult. Da bekomme ich schon einiges mit, was so abgeht. Daneben leite ich in Gießen die Verleihabteilung der AEM GmbH.

 

Derzeit wird viel über das Triggern von Schlagzeugen geredet, was bedeutet das?

Triggern funktioniert ähnlich wie eine normale Mikrofon-Abnahme, aber der Impuls des Schlages wird als Auslöser genutzt, um aus einem Gerät zur Klangerzeugung elektronisch einen Ton abzurufen. Das ist dann nicht der natürliche Ton, sondern es sind vorher im Studio aufgenommene Sounds, die über die Klangerzeugung eingestellt werden können und egal wie hart der Schlagzeuger draufhaut, immer mit der gleichen Lautstärke rüber kommen. Es gibt inzwischen jedoch auch Trigger-Systeme, die dynamisch reagieren, also bei einem sanften Anschlag den Sound entsprechend leiser erzeugen. Bei Black- und Death Metal-Bands sind Trigger mittlerweile weit verbreitet, weil deren charakteristische Sounds, gerade mit der hohen Umgebungslautstärke, live sonst nur schwer zu reproduzieren sind. Viele Bands setzten Trigger nicht für das komplette Set ein, sondern ganz gezielt für die Bassdrums oder Snare, weil die bei einem sehr schnellen Song einen kleinen Raumklang brauchen und bei einer Ballade richtig gigantisch klingen müssen, was mit verschiedenen Trigger-Sounds einfach zu realisieren ist.

 

Manche halten Triggern für Betrug.

Ich würde es nicht als Mogeln bezeichnen, denn der Schlagzeuger muss immer noch mit dem richtigen Timing spielen. Beim Triggern muss das Schlagzeug lediglich nicht gestimmt werden, weil der Impuls nur zur Ansteuerung dient. Manche Drummer brauchen zum Beispiel fester angezogenen Schlagfelle, um ein vernünftiges Feedback von der Fußmaschine zu bekommen, was aber kontraproduktiv für den gewünschten Sound ist. Für solche Leute ist das Triggern natürlich ideal und ergibt einen sehr differenzierten Sound. Ein weiterer Vorteil liegt daran, dass auf der Bühne weniger offene Mikrofone sind, welche das Klangbild ganz gravierend beeinflussen können. Ich persönlich mag Trigger nicht, weil ich das Schlagzeug gerne selber mische, aber es gehört heute einfach zum Standard und ist keineswegs dramatisch oder schlimm.

 

Ein anderes Thema sind Einspielungen aus der Konserve.

Da gibt es verschiedene Einsatzbereiche oder Anwendungsmöglichkeiten. Beispielsweise kann ein Keyboarder Effekte oder Chor-Samples einspielen. Bei einem langen Chor muss der Schlagzeuger allerdings sein Tempo exakt halten, denn sonst passt das Ende von dem Sample nicht mehr in den Song rein. Bei besonders langen Samples oder wenn die Band Keyboards aus der Konserve kommen lässt, erhält der Schlagzeuger zusätzlich einen Klick, damit der Takt nicht auseinander läuft. Edguy gehen mit Ihren vereinzelten Einspielungen beispielsweise ganz offen um und nennen ihren Live-"Keyboarder" scherzhaft "Roland". Das hat auch mit Schiebung nichts zu tun, sondern ist einfach die Lösung eines Problems.

          

Was ist das für ein "Klick"?

Das Klicken wird von einem sogenannten Click-Track erzeugt, wobei es sich lediglich um ein elektronisches Metronom handelt. Der Schlagzeuger hört einen klickender Ton auf seinem Kopfhörer und bekommt dadurch eine Art von Wegbeschreibung durch den Song.

 

Können Samples auch zum Schummeln missbraucht werden?

Auf jeden Fall. Bei einem Festival habe ich eine Band erlebt, deren Tontechniker einen Harddisk-Rekorder mit sechzehn Spuren angeschlossen hat, was äußerst ungewöhnlich ist. Da kam extrem viel Klangerzeugung fertig aus der Dose und entsprechend abhängig war die Band von diesem Band. Ob auch etwas vom Schlagzeug und zusätzliche Gitarren-Spuren eingespielt wurden, will ich nicht beurteilen. Möglich sind solche Manipulationen auf jeden Fall, denn grundsätzlich geht alles.

 

Wo beginnt der Betrug an den Fans?

Für mich ist es Fanverarsche, wenn beispielsweise Autotuner verwendet werden. Diese sehr gut laufenden Geräte bearbeitet den Gesang in Echtzeit und rücken Töne in Abhängigkeit zu einem Grundton gerade. So was wird häufig im Studio verwendet oder bei Pop/Rock-Produktionen, weil nach zweieinhalb Stunden Rumgehüpfe auf der Bühne, kein Mensch mehr gerade singen kann. Als mir erzählt wurde, dass dieses Gerät auch bei einer großen Metal-Produktion zum Einsatz kam, habe ich das testweise bei einem Soundcheck ausprobiert und es funktioniert gut. Dazu wird live aber ein Keyboarder gebraucht, der das per Midi umschaltet.

 

Was genau ist Midi?

Midi steht für "Musical Instrument Digital Interface" und ist eine Möglichkeit verschiedene Instrumente miteinandener zu verbinden oder mit Computern zu synchronisieren, was den Geräten einen Datenaustausch ermöglicht. Gitarristen benutzen das zum Beispiel, um über ihre Fußleisten Effektgeräte umzuschalten.

 

Viel zu oft gibt es bei Konzerten einen miesen Sound. Sind die Mischer taub?

Grundsätzlich nicht, denn bei einem Live-Sound kommen sehr viele verschiedene Faktoren zusammen. Als Techniker verschickt man zunächst eine Bühnenanweisung an die Veranstalter, also eine Liste von Geräten und Mikrofonen, die gebraucht oder bevorzugt werden. Außerdem die Anzahl der Kanäle und die benötigte Leistung der Anlage, um das Konzert vernünftig über die Bühne zu bringen. Mittlerweile läuft das aber bei schlechtem Vorverkauf meist so, dass erst mal an der Technik gespart wird. Das Pult fällt dann eben kleiner und schlechter aus oder die PA wird abgespeckt. Manchmal liegt es auch an baulichen Faktoren, wenn eine Halle einfach nichts taugt und zu große Nachhallzeiten, viel Beton oder parallele Wände hat. Es kann auch an einer Band liegen, falls die einen irrsinnig lauten Bühnensound fordert und die PA kaum mithalten kann. Wenn Scheiße anfliegt, wird Scheiße verstärkt, wie es so schön heißt. Ist die Band nicht in der Lage ein gutes Timing zu halten und spielt nicht sauber zusammen, kann der Mann hinter dem Pult auch nichts dagegen tun. Natürlich hängt es mitunter von der Tagesform ab, denn auch Mischer haben schlechte Tage, wobei wir immer für einen miesen Sound verantwortlich gemacht werden und klingt es toll, war die Band gut. 

 

Was bedeutet PA?

PA heißt "Public Address", also die auf das Publikum gerichteten Verstärker und Lautsprecherboxen, im Gegensatz zu den Monitoren, welche auf die Musiker zeigen.

 

Gibt es Entwicklung beim Live-Sound?

Insgesamt hat sich bei der PA-Technik sehr viel getan, doch leider geht die Entwicklung meistens nur in Richtung der Großbeschallungs-Systeme. Für eine Club-Tour in der Größenordnung Offenbacher Hafenbahn oder Hamburger Markthalle sind dieses Anlagen natürlich nicht zu bekommen. Es ist bedauerlich, dass soviel Energie in Systeme gesteckt wird, die dann nur begrenzt, wie in Wacken oder beim With Full Force einsetzbar sind. Dafür produzieren immer mehr Hersteller billige Pulte, die leider sehr schlecht sind. Als Resultat daraus wird die Qualität kleinerer Live-Produktionen schleichend schwächer, weil viele Verleiher die Meinung vertreten, dass sich ein gutes aber teures Pult nicht rechnet. Es gibt nach wie vor die „amtlichen“ Pulte, aber mittlerweile sind die schlechteren sehr weit verbreitet. Auf Tour macht dies wirklich zu schaffen, wenn man jeden Abend an einem besseren Rauschgenerator herumschraubt, geht der Spaß für alle verloren.

 

Eines sollte aus der Frontal-Trilogie über neue technische Möglichkeiten und Tricksereien im Studio, bei Studio-Musikern sowie Live-Konzerten deutlich geworden sein: Auch im Heavy Metal hat der Computer längst Einzug gehalten und es ist längst nicht mehr alles "ehrliche Handarbeit" – falls es das jemals war.

Das ist jedoch kein Grund, die neuen Technologien fundamentalistisch zu verteufeln – denn was gefällt, sollte erlaubt sein. Schließlich entscheiden immer noch die Fans durch den Kauf von Tonträgern und Tickets über Erfolg oder Flop. Natürlich lassen sich alle technischen Möglichkeiten auch missbrauchen, aber letztlich bleibt es die persönliche Abwägung des Einzelnen, wo die Grenze zum Betrug oder billigem Pfusch überschritten wird.

Gunnar Sauermann

http://www.aem-gmbh.de, oder

http://www.mkoegler.de

 

 

Last Update: 18.12.10
© SoundSystemEngineering, Michel Kögler 1999-2008