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Technik beherrscht die Bühne
Toningenieure arbeiten beim Live-Sound mit vielen Tricks: Autotuner
verbessern den Gesang, Schlagzeuger bekommen den Takt vor und Zusatzgeräte
simulieren jeden Verstärker
von Thomas Jüngling
Bei manchen Konzerten sieht es so aus, als würden die Musiker auf der Bühne
Briefe am Laptop schreiben: Sie beugen sich über ihre Notebooks, während die
installierte Software Klänge erzeugt. Dabei geht es technisch wesentlich
eleganter, einen satten Klang für verwöhnte Zuhörerohren zu erzeugen, ohne
auf Bühnenshows zu verzichten.
Im Zentrum steht das Mischpult: Über diese Schaltzentrale lässt sich jeder
Ton manipulieren, von Lautstärke über Verzerr- und Halleffekte bis zum
Einspielen von Gitarren- oder Schlagzeugspuren. Am Mischpult neutralisieren
Tontechniker für einen gleichmäßigen Sound Pegelschwankungen oder reduzieren
die oft starken Nebengeräusche bei Live-Shows. Werden Akustiksignale mindestens
verdoppelt und leicht verzögert sowie in anderer Stimmung wiedergegeben
(Chorus-Effekt), entsteht ein breiter, schwebender Klang.
Nicht nur das Mischpult sorgt für mehr klangliche Qualität, auch die
einzelnen Interpreten sind gefordert:
Synthesizer Als rein digitales Gerät sind Synthesizer und
Digitalpianos dafür prädestiniert, kunstvolle Klänge zu erzeugen: Keyboarder
spielen kurze, prägnante Passagen oder minutenlange Teilstücke vom internen
Speicher ab und verfremden sie bei Bedarf. Für volleren Klang wird ein
Soundteppich unter live gespielte Musik gelegt.
Schlagzeug Diverse Gruppen nutzen mittlerweile Trigger. Das Publikum hört
dabei nicht mehr den tatsächlichen Schlag des Drummers. Er ist nur noch Impuls
für ein Gerät, das daraufhin - in Echtzeit - einen Schlagzeug-Ton wiedergibt.
Dieser Beat wurde zuvor im Studio aufgenommen. Das Schlagzeug lässt sich so,
auch bei unterschiedlich intensiven Schlägen, immer gleich laut einstellen.
Andere Systeme reagieren dynamisch, also auf harte oder weiche Anschläge.
Trigger bestehen aus piezoelektrischen Tonabnehmern direkt auf dem Fell, die den
Schlag, also die mechanische Energie, in einen elektrischen Impuls umsetzen.
Tontechniker Michel Kögler (www.mkoegler.de) sagt, damit seien insbesondere
charakteristische Sounds gut reproduzierbar, die ansonsten wegen hoher
Umgebungslautstärke bei Live-Konzerten untergehen. Ein weiterer Vorteil: Es
gibt weniger offene Mikrofone auf der Bühne - ein Plus für das gesamte
Klangbild, da nicht alle Umgebungsgeräusche mit aufgenommen werden. Eine
weitere Hilfe für Schlagzeuger ist der Click-Track, ein elektronisches
Metronom. Der klickende Ton im Kopfhörer gibt dem Drummer "eine Art
Wegbeschreibung durch den Song", sagt Kögler. Das ist wichtig, wenn die
Band lange Teile aus der Konserve einspielt. Einige Drummer haben einen
Synthesizer oder Harddisk-Rekorder neben sich stehen, um Keyboard-Sequenzen,
Gitarrensoli oder Chorgesänge einzuspielen.
Gitarre Oft verfügen E-Gitarristen über eine Fußleiste am Bühnenrand.
Hier können sie Effekte wie Hall, Verzerrungen oder Echos einstellen.
Einsetzbar sind auch so genannte Modelling Amps: Zusatzgeräte, die diverse Klänge
durch unterschiedliche Boxen, Gitarren, Verstärker und Mikrofonabnahmen
simulieren. Viele schwören auf den Klang alter Röhrenverstärker, zu deren
Klassikern Modelle wie 65 Vox AC-30 oder 59 Fender Bassman gehören. Mit dem
Line 6 Pod (Pro) steht die ganze Bandbreite zur Verfügung. Selbst berühmte
Gitarristen wie Trey Gunn von King Crimson spielen mit solchen Hilfen.
Innovationen gibt es nicht nur bei Verstärkern: Die Gitarre Variax ("ax"
steht umgangssprachlich für Gitarre) kommt ohne Tonabnehmer aus. Dafür kann
der Spieler zwischen fast 30 Modellen wählen, zum Beispiel Gibson, das bekannte
Blues-Sänger benutzen; aber auch Akustikgitarren oder Banjos lassen sich so
simulieren.
Gesang Sänger sind ganz besonders darauf angewiesen, zu hören, was sie
von sich geben. Dafür stehen extra Monitore auf der Bühne. Der Nachteil: Wegen
des eigenen offenen Mikrofons kann es zu laut pfeifenden Rückkopplungen kommen.
Außerdem wird es laut: Bei Rockkonzerten werden auf der Bühne zum Teil 130
Dezibel gemessen, während im Saal 125 Dezibel ankommen. Praktikabler ist das
In-Ear-Monitoring: Dabei gelangen Klangdaten über Funk direkt in den Kopfhörer
des Sängers. Sollte sich der Gesang zu sehr von der Ideallinie entfernen,
helfen Autotuner, zum Beispiel von Antaris. Sie gleichen Vocals - in Echtzeit -
entsprechend dem Grundton an, sollten Sänger nach aufwendigen Bühneneinlagen
nicht den richtigen Ton treffen.
Trompete Beim Einsatz solcher Autotuner ist es unerheblich, welches
Instrument damit gefüttert wird, da die Geräte jeden Ton mit dem Grundton
abstimmen können. Sie lassen sich auch bei Bläsern einsetzen. Dann stimmen
auch bei allen Volksmusikanten die Trompetensoli. Mittlerweile sind auch
elektronische Trompeten am Markt oder in Entwicklung, zum Beispiel die
Mutantrumpet von Benn Neill (www.benneill.com). In Echtzeit lassen sich
Sequenzen manipulieren. Damit auch charakteristische Atemeffekte elektronisch
verstärkt hörbar sind, leiten Drucksensoren sie an spezielle Konverter weiter
und mischen sie in den Gesamtklang. Ein mögliches Hilfsmittel, zumindest für
Jazzer, die nach Noten spielen, ist noch nicht im Einsatz, kommt aber im Sommer
in den Handel: der elektronische Notenständer. MusicPad Pro (ab 1000 Euro) von
Freehand Systems zeigt Notenblätter auf einem gut lesbaren Bildschirm. Per
Knopfdruck oder über einen Fußschalter können die Musiker umblättern. Das
System speichert mindestens 5000 Notenblätter, markiert Passagen auf Wunsch
farbig und stellt eigene Notizen dar.
Artikel erschienen am 27. Apr 2003
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