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Welt am Sonntag vom 27.4.2003:

Technik beherrscht die Bühne

Toningenieure arbeiten beim Live-Sound mit vielen Tricks: Autotuner verbessern den Gesang, Schlagzeuger bekommen den Takt vor und Zusatzgeräte simulieren jeden Verstärker

von Thomas Jüngling

Bei manchen Konzerten sieht es so aus, als würden die Musiker auf der Bühne Briefe am Laptop schreiben: Sie beugen sich über ihre Notebooks, während die installierte Software Klänge erzeugt. Dabei geht es technisch wesentlich eleganter, einen satten Klang für verwöhnte Zuhörerohren zu erzeugen, ohne auf Bühnenshows zu verzichten.

Im Zentrum steht das Mischpult: Über diese Schaltzentrale lässt sich jeder Ton manipulieren, von Lautstärke über Verzerr- und Halleffekte bis zum Einspielen von Gitarren- oder Schlagzeugspuren. Am Mischpult neutralisieren Tontechniker für einen gleichmäßigen Sound Pegelschwankungen oder reduzieren die oft starken Nebengeräusche bei Live-Shows. Werden Akustiksignale mindestens verdoppelt und leicht verzögert sowie in anderer Stimmung wiedergegeben (Chorus-Effekt), entsteht ein breiter, schwebender Klang.

Nicht nur das Mischpult sorgt für mehr klangliche Qualität, auch die einzelnen Interpreten sind gefordert:

Synthesizer Als rein digitales Gerät sind Synthesizer und Digitalpianos dafür prädestiniert, kunstvolle Klänge zu erzeugen: Keyboarder spielen kurze, prägnante Passagen oder minutenlange Teilstücke vom internen Speicher ab und verfremden sie bei Bedarf. Für volleren Klang wird ein Soundteppich unter live gespielte Musik gelegt.
Schlagzeug Diverse Gruppen nutzen mittlerweile Trigger. Das Publikum hört dabei nicht mehr den tatsächlichen Schlag des Drummers. Er ist nur noch Impuls für ein Gerät, das daraufhin - in Echtzeit - einen Schlagzeug-Ton wiedergibt. Dieser Beat wurde zuvor im Studio aufgenommen. Das Schlagzeug lässt sich so, auch bei unterschiedlich intensiven Schlägen, immer gleich laut einstellen. Andere Systeme reagieren dynamisch, also auf harte oder weiche Anschläge. Trigger bestehen aus piezoelektrischen Tonabnehmern direkt auf dem Fell, die den Schlag, also die mechanische Energie, in einen elektrischen Impuls umsetzen. Tontechniker Michel Kögler (www.mkoegler.de) sagt, damit seien insbesondere charakteristische Sounds gut reproduzierbar, die ansonsten wegen hoher Umgebungslautstärke bei Live-Konzerten untergehen. Ein weiterer Vorteil: Es gibt weniger offene Mikrofone auf der Bühne - ein Plus für das gesamte Klangbild, da nicht alle Umgebungsgeräusche mit aufgenommen werden. Eine weitere Hilfe für Schlagzeuger ist der Click-Track, ein elektronisches Metronom. Der klickende Ton im Kopfhörer gibt dem Drummer "eine Art Wegbeschreibung durch den Song", sagt Kögler. Das ist wichtig, wenn die Band lange Teile aus der Konserve einspielt. Einige Drummer haben einen Synthesizer oder Harddisk-Rekorder neben sich stehen, um Keyboard-Sequenzen, Gitarrensoli oder Chorgesänge einzuspielen.
Gitarre Oft verfügen E-Gitarristen über eine Fußleiste am Bühnenrand. Hier können sie Effekte wie Hall, Verzerrungen oder Echos einstellen. Einsetzbar sind auch so genannte Modelling Amps: Zusatzgeräte, die diverse Klänge durch unterschiedliche Boxen, Gitarren, Verstärker und Mikrofonabnahmen simulieren. Viele schwören auf den Klang alter Röhrenverstärker, zu deren Klassikern Modelle wie 65 Vox AC-30 oder 59 Fender Bassman gehören. Mit dem Line 6 Pod (Pro) steht die ganze Bandbreite zur Verfügung. Selbst berühmte Gitarristen wie Trey Gunn von King Crimson spielen mit solchen Hilfen. Innovationen gibt es nicht nur bei Verstärkern: Die Gitarre Variax ("ax" steht umgangssprachlich für Gitarre) kommt ohne Tonabnehmer aus. Dafür kann der Spieler zwischen fast 30 Modellen wählen, zum Beispiel Gibson, das bekannte Blues-Sänger benutzen; aber auch Akustikgitarren oder Banjos lassen sich so simulieren.
Gesang Sänger sind ganz besonders darauf angewiesen, zu hören, was sie von sich geben. Dafür stehen extra Monitore auf der Bühne. Der Nachteil: Wegen des eigenen offenen Mikrofons kann es zu laut pfeifenden Rückkopplungen kommen. Außerdem wird es laut: Bei Rockkonzerten werden auf der Bühne zum Teil 130 Dezibel gemessen, während im Saal 125 Dezibel ankommen. Praktikabler ist das In-Ear-Monitoring: Dabei gelangen Klangdaten über Funk direkt in den Kopfhörer des Sängers. Sollte sich der Gesang zu sehr von der Ideallinie entfernen, helfen Autotuner, zum Beispiel von Antaris. Sie gleichen Vocals - in Echtzeit - entsprechend dem Grundton an, sollten Sänger nach aufwendigen Bühneneinlagen nicht den richtigen Ton treffen.
Trompete Beim Einsatz solcher Autotuner ist es unerheblich, welches Instrument damit gefüttert wird, da die Geräte jeden Ton mit dem Grundton abstimmen können. Sie lassen sich auch bei Bläsern einsetzen. Dann stimmen auch bei allen Volksmusikanten die Trompetensoli. Mittlerweile sind auch elektronische Trompeten am Markt oder in Entwicklung, zum Beispiel die Mutantrumpet von Benn Neill (www.benneill.com). In Echtzeit lassen sich Sequenzen manipulieren. Damit auch charakteristische Atemeffekte elektronisch verstärkt hörbar sind, leiten Drucksensoren sie an spezielle Konverter weiter und mischen sie in den Gesamtklang. Ein mögliches Hilfsmittel, zumindest für Jazzer, die nach Noten spielen, ist noch nicht im Einsatz, kommt aber im Sommer in den Handel: der elektronische Notenständer. MusicPad Pro (ab 1000 Euro) von Freehand Systems zeigt Notenblätter auf einem gut lesbaren Bildschirm. Per Knopfdruck oder über einen Fußschalter können die Musiker umblättern. Das System speichert mindestens 5000 Notenblätter, markiert Passagen auf Wunsch farbig und stellt eigene Notizen dar.

Artikel erschienen am 27. Apr 2003


 

Last Update: 18.12.10
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